Zum Tag der Jugend

TagDerJugend

Von Leandra Columberg, Kantonsrätin und JUSO-Nationalratskandidatin

Die Jugend sei narzisstisch, selbstgerecht und wohlstandsverwahrlost, so lautet die Devise der breiteren Öffentlichkeit. Sie quengelt und klagt, ist aber nicht bereit, Leistungen zu erbringen. Fordert Klimagerechtigkeit und kauft sich dann das neueste Smartphone. Möchte Steuergerechtigkeit, hat aber selbst noch keinen Tag gearbeitet und ruht sich auf den Errungenschaften der vorherigen Generationen aus. 

Bewegungen und Anliegen der Jugend stehen schnell im medialen Kreuzfeuer – Erst recht, wenn sie es wagen, Bestehendes zu hinterfragen, zu kritisieren oder gar Forderungen aufzustellen.

Ob nun an dem einen oder anderen Vorwurf etwas dran ist, sei dahingestellt. Fakt ist jedoch: Wir wurden, wie auch die Generationen vor uns, geboren in eine Welt voller Widersprüche. Wenn nur jene den Status Quo in Frage stellen dürfen, die auf allen Ebenen moralisch überlegen und widerspruchslos leben, so müssten wir alle schweigen. So würde jeglicher gesellschaftlicher Diskurs verunmöglicht. Das halte ich für Unsinn.
Natürlich schadet ein gesundes Mass an Selbstreflexion nicht und es macht wohl Sinn, zu hinterfragen, ob wir nach der Klimademo mit dem Flugzeug in die Ferien fliegen wollen.

Doch oft scheinen fehlbare und von der Konsumgesellschaft geprägte Entscheide junger Individuen hervorgehoben zu werden, bloss um ihnen den Mund zu verbieten. Denn die Zalando-Schuhe oder die Flugreisen junger Menschen ändern schliesslich nichts an der Tatsache, dass Grosskonzerne Menschenrechte verletzen und der Finanzplatz in fossile Energien investiert und Kritik an diesen Umständen berechtigt ist. Die erstarkende, durch die Jugend getragene und geprägte Klimabewegung inspiriert mich persönlich ausserordentlich. Ihr beeindruckendes Ausmass an Professionalität und wissenschaftlicher Fundiertheit ist bezeichnend für ihr Potential. Gleichzeitig wird in der Klimabewegung enorm Wert gelegt auf Solidarität und Inklusion und auf das Pflegen einer basisdemokratischen, konsensorientierten Diskussionskultur.

Eine zentrale Quelle der Inspiration ist für mich, wenig überraschend, auch die JUSO, meine politische Heimat. Im Sommerlager der JUSO Schweiz war ich aufs Neue bewegt von diesen zahlreichen, so unterschiedlichen jungen Persönlichkeiten, welche ihre Ferien dazu nutzen, sich politisch zu bilden, Workshops zu besuchen, zu diskutieren und zu planen. Wenn ich selbst hin und wieder dem Zynismus verfalle und den Nutzen meines Engagements anzweifle, so stärken mich diese Menschen, welche sich mit solch einer Überzeugung und Vehemenz für eine bessere Welt einsetzen.

«Wer mit zwanzig kein Kommunist ist, der hat kein Herz, doch wer mit vierzig noch immer einer ist, der hat kein Hirn». Mit diesem verstaubten Zitat konfrontierte mich ein älterer Herr, als ich vor einiger Zeit Unterschriften für die die 99% initiative der JUSO Schweiz sammelte. Mein Plädoyer für Steuergerechtigkeit wurde müde belächelt und mir währenddessen die Schulter getätschelt. Es sei ja gut, wenn Junge sich engagieren, wir würden dann ja schon merken, dass unser Idealismus sich mit der Lebensrealität beisst. Dass Idealismus meist etwas belächelt wird und tendenziell negativ konnotiert ist, bleibt mir ein Rätsel. Was ist denn die Alternative: Eine Gesellschaft voll abgeklärter Pessimist*innen, eine Kultur der subtilen Unzufriedenheit und Resignation?

Und überhaupt, ist es denn nicht naiv, zu denken, menschengemachte Umstände seien für immer in Stein gemeisselt und unantastbar? Sich mit einer Zukunft zu arrangieren, die keine ist? Ich würde gar behaupten, dass es nicht nur naiv, sondern schlichtweg bedauernswert ist, wenn man aufhört, an Veränderung zu glauben. Wie Die Ärzte schon sangen: «Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist wie sie ist, es wär nur deine Schuld wenn sie so bleibt».

Also lassen wir uns nicht den Mund verbieten oder resignieren. Lasst uns Widersprüche aushalten und gleichzeitig hinterfragen. Lasst uns solidarisch und visionär sein und Veränderung anstreben, wie es schon Generationen vor uns gemacht haben und es hoffentlich auch jene nach uns tun werden.

Lasst uns bewegt bleiben!

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