Wollen wir leben, um zu arbeiten, oder arbeiten, um zu leben?

Leandra, Florin

Eine Arbeitszeitverkürzung bietet Antworten auf die dringlichsten Probleme unserer Zeit: die drohende Klimakatastrophe, die ungleiche Verteilung von Care-Arbeit und den rasanten Anstieg der sozialen Ungleichheit.

Unsere Gesellschaft wird immer produktiver. Maschinen nehmen uns mühselige Arbeit ab, Automatisierungen beschleunigen Prozesse, Computer erleichtern unser Leben. Die Digitalisierung ist bereits seit Jahren eine Realität. Doch wohin geht der erwirtschaftete Mehrwert? Wer profitiert davon?

Die Antwort ist so eindeutig wie stossend: Im Jahr 2017 hat sich das reichste Prozent der Bevölkerung 82% des weltweiten Vermögenswachstums angeeignet. Während die Reichsten jedes Jahr mehr Kapitaleinkommen einnehmen, profitiert die grosse Mehrheit der Bevölkerung kaum von dieser Produktivitätssteigerung.

Für uns JUSOs ist klar: Dieser zusätzliche Mehrwert muss der ganzen Gesellschaft zugutekommen – beispielsweise in Form einer radikalen Arbeitszeitverkürzung bei gleichbleibendem Lohn. Denn es kann nicht sein, dass über 55-Jährige keinen Job mehr finden, die Burnout-Rate ständig steigt und die Menschen immer gestresster sind, während die Reichen immer noch reicher werden.

Verkürzen wir die Arbeitszeit, erhöht sich damit ganz direkt auch die Lebensqualität aller. Es bleibt mehr Zeit, um sich zu entspannen, mehr Zeit für Hobbys und künstlerisches Schaffen, und mehr Zeit für zivilgesellschaftliches Engagement. Ausserdem würde mit verkürzter Arbeitszeit die Gefahr von Arbeitsunfälle und körperliche Beschwerden reduziert – ganz zu schweigen von allen psychischen Krankheiten, welche durch Stress ausgelöst oder verstärkt werden.

Care-Arbeit gerechter verteilen

Auch zur Gleichstellung der Geschlechter leistete eine Senkung der Arbeitszeit einen wichtigen Beitrag . Heute wird der Löwinnenanteil der unbezahlten Care-Arbeit – also das Erziehen von Kindern, die Pflege von alten und kranken Menschen, das Kochen, Putzen, Waschen, und so weiter – immer noch von Frauen verrichtet. Dies führt für Frauen zu einer starken finanziellen Abhängigkeit, einer um 33% tieferen Rente im Vergleich zu Männern, und einer massiven Doppelbelastung von arbeitstätigen Frauen. Die Arbeitszeitverkürzung ermöglicht eine gerechtere Verteilung der Care-Arbeit, in dem sie allen Menschen mehr Zeit für Sorgearbeit verschafft, und trägt damit entscheidend zu mehr Gleichstellung bei.

CO2-Reduktion nachgewiesen 

Ein weiterer zentraler Aspekt der Arbeitszeitverkürzung betrifft die Klimakrise. Die Klimakatastrophe ist die dringlichste Herausforderung unserer Zeit, welche die Lebensgrundlage von hunderten Millionen Menschen zu zerstören droht. Wenn wir eine klimaneutrale Gesellschaft aufbauen wollen, so werden wir sämtliche Aspekte unserer Gesellschaft hinterfragen müssen: wie wir wohnen, wie wir arbeiten, wie wir uns fortbewegen und wie wir uns ernähren. Wer weniger arbeitet, verbringt auch weniger Zeit damit, unsere Umwelt durch die Produktion von Gütern zu verschmutzen: Güter, die wir eigentlich gar nicht brauchen. Und vielleicht am wichtigsten: Eine Arbeitszeitreduktion würde das Wirtschaftswachstum zumindest ausbremsen. Verschiedene Studien kommen denn auch zum Schluss, dass eine Reduktion der Arbeitszeit eine Reduktion der CO2-Emissionen bewirkt. Denn es gibt kein ewiges Wachstum auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen.

Wir wollen eine Gesellschaft, die sich an den Bedürfnissen der Menschen und der Umwelt orientiert, nicht an Profitmaximierung und Wachstumszwängen. Und um unsere Bedürfnisse zu befriedigen, müssen wir nicht jede Woche 42 Stunden lang «chrampfen» – das machen wir einzig für den Profit einiger weniger. Seien wir utopisch und kämpfen gemeinsam für eine radikale Arbeitszeitreduktion!

 

Nadia Kuhn, Co-Präsidentin JUSO Kanton Zürich

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