Ambulant vor stationär!

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Ein Blogbeitrag von Marco Bechtiger, diplomierter Pflegefachmann HF und Nationalratskandidat der JUSO Kanton Zürich.

In den Zürcher Spitälern sinken erstmals seit langem wieder die Fallkosten. Dies ist teilweise darauf zurückzuführen, dass seit Anfang 2018 gewisse Operationen nur noch ambulant durchgeführt werden dürfen. Darunter gehören unter anderem gewisse Operationen am Auge, an der Hand, am Knie oder in der Bauchregion. Der Kanton konnte durch diese Massnahme 10 Millionen Franken einsparen. Das ist doch super, nicht?

Patient*innen, welche am Auge oder an den Extremitäten operiert wurden, sind in ihrer Selbstständigkeit mehr oder minder stark eingeschränkt. Dies bedeutet, dass sie auf Unterstützung angewiesen sind, vor allem in den ersten Tagen nach dem Eingriff. Diese Unterstützung erhalten sie nun nicht mehr im Spital, sondern zu Hause. Meist trifft dies Frauen*, die so noch mehr unbezahlte Care-Arbeit leisten müssen.

Während diese Patient*innen ihre gewohnte Selbstständigkeit nach einigen Wochen meist wieder vollständig zurück erlangen, gibt es auch Menschen, die über längere Zeit auf Hilfe in ihrem Alltag angewiesen sind. Diese Hilfe erfolgt meist durch die Spitex.

Der Bundesrat hat kürzlich beschlossen, dass die Krankenkassen 3.6% weniger an die Pflege zu Hause bezahlen müssen, aber 6.7% oder 115 Millionen Franken mehr an die Pflege in Pflegeheimen. Dies kann bei der Spitex zu Ausfällen von bis zu 32 Millionen Franken führen. Gleichzeitig sparen die Kantone bis zu 83 Millionen Franken ein, da sie einen kleineren Anteil der Pflege in Heimen zahlen müssen. Der Bundesrat geht daher davon aus, dass die Kantone die 32 Millionen Franken, die die Spitex weniger erhält, kompensieren. Was in rechts-bürgerlich regierten Kantonen wohl kaum der Fall sein wird.

Die genauen Folgen sind noch nicht absehbar. Es wäre aber durchaus denkbar, dass die Spitex ihre Leistungen reduzieren muss. Dies führt einerseits dazu, dass mehr pflegerische Aufgaben von Angehörigen erledigt werden müssen. Und mit Angehörigen meine ich insbesondere Frauen*, die so noch mehr unbezahlte Care-Arbeit erledigen müssen. Frauen* leisten in der Schweiz bis anhin schon unbezahlte Care-Arbeit im Wert von 248 Milliarden Franken. Dies übersteigt die Ausgaben von Bund, Kantonen und Gemeinden in diesem Bereich um über 30 Milliarden Franken! Gleichzeitig führen Einsparungen im Gesundheitswesen dazu, dass Frauen* noch mehr unbezahlte Care-Arbeit leisten müssen.

Andererseits müssen wohl mehr Menschen frühzeitig in Pflegeheime eintreten, und so ihre Unabhängigkeit und ihr gewohntes Umfeld aufgeben. Dies führt in vielen Fällen zu einem schnelleren Abbau von physischen und psychischen Fähigkeiten.

In vielen Fällen weichen Betroffene wohl auf günstige Pfleger*innen, insbesondere aus Osteuropa, aus, die sich 24 Stunden um ihre Kund*innen kümmern – wenn sie sich dies denn leisten können. Diese Pfleger*innen arbeiten häufig unter prekären Bedingungen mit sehr tiefen Löhnen, keinen Sozialleistungen und kaum Freizeit. Wie im Falle der Angehörigen leiden hauptsächlich Frauen* unter der Care-Migration.

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